Volkskrankheit Beckenbodenschwäche: ein Leiden, „über das man nicht spricht“

Die Beckenbodenschwäche zählt zu den häufigsten Krankheitsbildern bei Frauen – dennoch ist dieses Leiden eines, über das kaum offen gesprochen wird. Bei einer international besetzten dreitägigen Tagung im BKH- St. Johann wurden die neuesten operativen Behandlungsmöglichkeiten rund um die Beckenbodenschwäche diskutiert und praktiziert.

Untersuchungen zeigen, dass fast 30 Prozent aller Frauen an einer Beckenbodenschwäche und davon ca. 10 Prozent unter Inkontinenz leiden. Ein Leidensweg für alle Betroffenen, wenn schon Husten oder Lachen zum Problem wird – und viele Frauen scheuen sich, zum Arzt zu gehen, selbst wenn sie schon massive Probleme oder sogar Vorfälle haben.

„Man kann durchaus von einer Volkskrankheit sprechen“, erklärt Primar Dr. Christian Deetjen, Leiter der gynäkologischen Abteilung am Bezirkskrankenhaus (BKH) St. Johann i.T. und Organisator der Tagung. „Wir wollen mit dieser jährlich stattfindenden Tagung Bewusstsein für dieses Problemfeld schaffen und uns mit anderen Experten auf diesem Gebiet über die neuesten Entwicklungen austauschen“. Eine Öffnung nach außen und eine öffentliche Diskussion sei gerade in diesem sensiblen Bereich notwendig, durch den jährlichen Erfahrungsaustausch im Rahmen eines Qualitätszirkels sei es auch möglich, im direkten Gespräch konkrete Fälle zu besprechen und Erfahrungen weiterzugeben. Ein weiteres Ziel ist es auch, einheitliche Standards für Untersuchungen zu etablieren, um die Fälle international vergleichen zu können.

Diskutieren, operieren, informieren
Der Kreis an Experten wurde bewusst klein gehalten, um einen möglichst intensiven Austausch zu gewährleisten. Neben Fachvorträgen und Informationen für niedergelassene Ärzte aus der Region wurde auch gemeinsam operiert: Ein Tag wurde gemeinsam im OP verbracht und die neuesten Operationstechniken in der Praxis vorgestellt.

Eine international besetzte Expertengruppe von 15 Fachleuten aus vier Ländern (A, D, CH, SLO) nahm an der Tagung teil, darunter einige der führenden Beckenboden-Spezialisten, wie etwa Univ.-Prof. Dr. Jean-Bernard Dubussion ehem. Leiter der Universitätsklinik Genf, einer der Pioniere der laparoskopischen („Knopfloch-OP“) Beckenboden-Chirurgie, oder Dr. Friedrich Pauli, Leiter des Beckenbodenzentrums vom Klinikum Augsburg, einer der führenden vaginalen Netzchirurgen Deutschlands und zugleich Co-Organisator der Veranstaltung. Deetjen und Pauli entwickelten gemeinsam die Idee zu der Tagung neuen Stils in kleinem Rahmen unter dem Motto: „Diskutieren, operieren, informieren“.

Alternativen zur OP haben Vorrang
„Die Operation ist für uns immer das letzte Mittel der Wahl“, erklärt Deetjen, „zunächst werden alle Möglichkeiten wie Physiotherapie, Beckenbodengymnastik, Elektrostimulation der Scheide (Biofeedback) beziehungsweise eine Umstellung der Lebensweise ausgeschöpft. Dennoch gibt es viele Fälle, bei denen nur eine Operation ein befriedigendes Ergebnis bringt. Wir können so die Leiden vielen Patientinnen auf Dauer beseitigen.“ Besonders effektiv ist der Einsatz von Kunststoff-Bändern und -Netzen (Mesh-Chirurgie), mit denen die Stabilität des Beckenbodens wiederhergestellt und Schwächen dauerhaft beseitigt werden können. Mittels Operation kann so vielfach ein jahrelanger Leidensweg auf Dauer beendet werden. Deetjen: „Wir haben viele Patientinnen, die nach der Inkontinenz-OP zu 100 Prozent beschwerdefrei sind – und das nach oft nach vielen Jahren des Leidens.“

Die Gynäkologie am BKH St. Johann i.T. hat sich in den letzten Jahren zu einem Kompetenzzentrum in der operativen Beckenbodenrekonstruktion und Inkontinenzbehandlung entwickelt und zählt mittlerweile österreichweit zu einer der ersten Adressen für diese Behandlungsmethoden.

Für Beckenboden-Schwächen und Inkontinenzprobleme wird am BKH St. Johann i.T. auch eine eigene Sprechstunde angeboten. Infos unter 05352-606-500.

Das 3. urogynäkologische Vier-Ländertreffen findet nächstes Jahr in der Schweiz statt, nach Deutschland 2014 und heuer Österreich.

Rückfragen:
Primarius Dr. Christian Deetjen (05352-606-500), gyn@khsj.at